Abschiedsschreiben Pfarrer Voß

Ade

Liebe Bad Wiesseer, liebe Waakirchner!

In Oberbayern sagt man „Pfüat di“ oder „Griaß di“, wenn man sich verabschiedet. Da wo ich geboren wurde, in Nürnberg, sagt man „ade“. Das kleine Wörtlein stammt aus der Zeit, in der das Französische seinen Einfluss auf den fränkischen Dialekt hatte. Es stammt ab vom französischen „a dieu“, was frei übersetzt heißt so viel wie „geh zu Gott“. Man könnte es auch noch freier übersetzen mit „Behüt Dich Gott“ – dann wären wir auch wieder bei dem, was das „Pfüat di“ ursprünglich gemeint hat.

Viele fragen mich nun, nachdem sie erfahren haben, dass ich im Frühjahr die Stelle wechsle und nach Unterfranken ziehe, „was Sie verlassen uns“, oder gar „mussten Sie weg?“ Die Antwort ist: Nein. Kein Pfarrer muss weg, Pfarrer bewerben sich und werden genommen, oder nicht, wie andere Beamte auch. Die Aussagen „Schade“ oder „traurig, dass Sie gehen“ ehren einen natürlich aus menschlicher Sicht, wollen sie doch mitteilen, dass man als Pfarrer in Bad Wiessee und Waakirchen geschätzt wurde und wir beide, meine Frau und ich, freuen uns über die vielen sehr warmherzigen Rückmeldungen.

Das „zu Gott“ im „Ade“ zeigt aber eine noch andere Sicht der Dinge an: Neben allen möglichen innerkirchlichen Stellenbesetzungsfragen ist es doch meine tiefe innere Überzeugung, dass es eben auch Gott ist, der unsere Lebenswege lenkt.

Jeder Pfarrer und jede Pfarrerin hat seine Talente, Stärken und natürlich auch Schwächen. So kam ich nach Bad Wiessee in die Diaspora als jemand, der vorher fast nur im volkskirchlich geprägten Franken gearbeitet hat. Mir war es immer wichtig mit den normalen Menschen zu leben, sei es in den Vereinen, in der Kommunalpolitik, am Stammtisch, oder auf der Berghütte, „nah bei den Menschen“, wie es so schön heißt. Diesen Typus Pfarrer habe ich auch hier versucht zu leben, auch wenn das nicht unbedingt typisch für einen Diasporapfarrer sein muss. Hat man im Tegernseer Tal doch auch sehr viel mit Gästen, frisch Zugezogenen, Klinikbesuchern und vor allen mit auswärtigen Hochzeitspaaren zu tun. Da braucht es eher Neugier, Offenheit und Flexibilität. Nicht alles, was man kirchlich und theologisch betrachtet vorher so gewohnt war, ließ sich hier so einfach weiter praktizieren. Also war es doch vielleicht auch Gottes unerforschlicher Ratschluss mir diesen leichten Spagat zwischen Bewährtem und Neuem zuzumuten.

Und ich habe diesen Spagat gerne gelebt.

Viele Begegnungen mit Menschen, die sonst nicht so sehr in der Kirche anzutreffen sind. Viele Hochzeitspaare aus dem Münchner Raum und teilweise aus der ganzen Welt. Gleichzeitig ein bayerischer Kulturraum, dem ich früher nur im Urlaub begegnete. Die unzähligen Möglichkeiten an Naturgenuss in Bergen und Seen, die wir natürlich reichlich genutzt haben.

Ich bedanke mich beim Kirchenvorstand, den Mitarbeitenden im Büro und in der Kirche, bei den Nachbarkollegen, Evangelisch und Katholisch gleichermaßen, bei den Bürgermeistern, bei den Vereinsvorsitzenden für die vertrauensvolle Zusammenarbeit!

Und ich danke vielen engagierten Gemeindegliedern im Chor, den Musikgruppen, dem Taizeteam, dem Kindergottesdienstteam, dem Mesnerteam in Hauserdörfl und allen anderen Gruppen und Kreisen. Große geschwisterliche Offenheit in der Ökumene vor Ort habe ich erlebt und genossen. Höhepunkte an Festen gab es reichlich: Die 75 Jahrfeier der Friedenskirche, das Reformationsjubiläum, das Alpenregionstreffen der Gebirgsschützen und letztes Jahr das Gaufest der Trachtler in Waakirchen. Aber auch die regelmäßigen Veranstaltungen, wie der Abwinkler Advent, die regelmäßigen Waldfeste, Vereinsjahrtage, die Kirta auf der Aueralm, der Maibaum im Trachtenheim Bodenschneid.

Natürlich nicht zu vergessen auch die vielen Freundschaften auf den Hütten im Tal und beim Stammtisch in Waakirchen – wo sonst haben schon einmal katholischer Pfarrer und evangelischer Pfarrer gemeinsam Zither und Gitarre gespielt…

Was wir Evangelischen im Tal aus meiner Sicht zukünftig auch weiterhin dringend brauchen: Offenheit und Gastfreundlichkeit, Ökumene und noch mehr Zusammenarbeit im Tal auf allen Ebenen aber auch den Stolz Evangelisch am Tegernsee zu sein.

Eben bayerisch – evangelisch, so wie meine Friedenskirche in Bad Wiessee, oder auch das Angerkircherl in Hauserdörfl.

Ade – zu Gott, nein noch will ich ein wenig auf Erden bleiben, noch meine Gaben und Ideen einbringen, nun eben in Unterfranken in einer Weinregion. Keine Berge und Seen mehr, dafür Fachwerk, Barockschlösser und Weinberge.

Ihnen wünsche ich Gottes Segen für das Leben am Bad Wiessee und Waakirchen, Vergelts‘ Gott für die schöne Zeit am See!

Ade, Ihr Martin Voß, Noch – Pfarrer in Bad Wiessee

 

Bild: Portrait Voß, Anzug und Amtskragen